Nachdem die im neogotischen Stil 1871 vom Bremer „Stararchitekten“ Heinrich Müller erbaute Kirche im Krieg nahezu vollständig zerstört wurde war es ein Glück, dass die Gemeinde bereits ein Grundstück an der Schwachhauser-Heerstrasse besaß. Viele der zur Gemeinde gehörenden Mitglieder waren schon ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die boomenden Neubaugebiete Schwachhausens gezogen, da war die Idee einer „Zweitkirche“ nicht ungewöhnlich. Nun machten die Kriegsschäden und die nachfolgenden Stadt- und Verkehrsplanungen aber einen Ersatzbau am alten Standort, dem heutigen „Rembertiring“, unmöglich. Deshalb plante die Gemeinde ab 1948 den Neubau in Schwachhausen.
Eberhard Gildemeister war als Architekt bereits in den dreißiger Jahren für die Gemeinde tätig gewesen, hielt aber an Bautraditionen fest, die von den modernen Nachkriegsarchitekten als überholt galten. Warum die Gemeinde unter dem verwaltenden Bauherren Rudolf Blaum ihn gleichwohl beauftragten, ist nicht geklärt. Schließlich hätte man, gerade auch im Hinblick auf die Größe der Gemeinde, einen repräsentativen Neubau, erwarten können. Vom Baustil ganz zu schweigen. Vielleicht haben sich die vielen, der Gemeinde angehörenden Kaufleute mit ihrer bremischen Art durchgesetzt, nichts zu überstürzen und auf Bewährtes zurückzugreifen. Vielleicht fehlte aber auch schlicht das Geld im Nothilfebauprogram der Bremischen Kirche.

 

Ob und zu welchen Kontroversen der Entwurf von Gildemeister zum Neubau unter den Bauherren, im Kirchenvorstand und in der Gemeinde geführt haben, ist bislang nicht dokumentiert. Vielleicht könnten Zeitzeugen oder –bislang verschollene – Protokolle der Kirchvorstandsitzungen hierzu etwas beitragen. Ganz ohne Diskussionen und Änderungen wurden die Baupläne von Gildemeister jedenfalls nicht umgesetzt. So sind die Seitenanbauten deutlich kleiner ausgeführt worden als geplant. Auch der Glockenturm wurde verändert und mit einer größeren Kuppel versehen. Ob sich der verwaltende Bauherr und Gildemeister über diese Fragen kräftig gestritten haben sollen
Kann insoweit offen bleiben; Gildemeister hat jedenfalls seine Pläne weitgehend umsetzen können.
Mit der Auswahl Gildemeisters hat die Gemeinde hinsichtlich der aktuellen Frage, wie nachhaltig eigentlich Denkmale sind, einen Glücksgriff getan. Gildemeister legte Wert auf regionale Bauprodukte wie Holz, Backsteinwerk und Steinböden, die in traditionellen Handwerkstechniken verbaut wurden. Denn diese hatten sich durch ihre Langlebigkeit und Reparaturfähigkeit für Gildemeister bewährt. Auch deshalb sind die Kirche und das Gemeindehaus auch heute noch in einem hervorragenden Zustand.
Dass Gildemeister bzw. die Gemeinde allerdings nicht nur die Frage der Nachhaltigkeit, sondern auch die Baukosten im Blick hatten zeigt die Abrechnung der Baukosten gegenüber der BEK: ganze 225.000,- DM. Gerade langfristig, wenn man auch die Reparaturkosten versus Ersatzbaukosten berücksichtigen würde, fällt die Ökobilanz unserer Kirche ausnehmend gut aus. Dass das Kirchengebäude zudem im Vergleich zu den meisten anderen bremischen Kirchen ausnehmend geringe Energiekosten verursacht ist nicht nur der Konstruktion geschuldet, sondern mindesten ebenso der Beschränkung der Gemeinde auf eine „kleine“ Kirche.

Kirchen sind traditionell Orte der Erinnerung. Leider konnten aber vom Vorgängerbau nur wenige Stücke erhalten bzw. in den Neubau integriert werden. Ein Christus-Kopf als Glasfenster befindet sich im Gartenzimmer, im Außenbereich vor dem Albert-Schweizer-Saal steht ein Sandsteinrelief (Tympanon), dass sich über dem westlichen Hauptportal der alten Kirche befand. Einziger Bilderschmuck im Kirchenraum ist der Bronzeguss eines Kruzifix von ernst Barlach.

Das Erhalten von Baudenkmälern ist eine Aufgabe für Generationen, insbesondere sind die heutigen Generationen aber aufgerufen, sich darum zu kümmern. Nicht immer ist dies eine Frage des Geldes, oft auch die der konkurrierenden Aufgaben einer Gemeinde.

Gerade für die Glaubensgemeinschaften mit ihren zurückgehenden Mitgliederzahlen und damit einhergehender Finanzmittel stellt sich die Frage neuer Nutzungskonzepte, um die Baudenkmäler langfristig erhalten zu können. Denkmäler „neu denken“, sie veränderten Nutzungen zuzuführen, ist eine aktuell spannende, bundesweite Diskussion. Gerade die evangelischen Kirchen scheinen hier sehr diskussionsoffen. Mitspielen müssen aber auch immer die Landesdenkmalschutzbehörden bzw. die Unteren Denkmalschutzbehörden. Nicht ganz einfach, aber letztlich einvernehmlich erfolgte beispielsweise der Umbau des Gemeindehauses im Bereich des „Forums“, der deutliche Eingriffe in die Bausubstanz, z.B. in Form einer großen Dachöffnung, erforderlich machten. Erst dadurch konnten Räume für eine zeitgemäße Jugend- und Konfirmandenarbeit ermöglicht werden.

Chance Denkmal – Erinnern. Erhalten. Neu denken.
Für uns ist dies eine Aufgabe und Herausforderung zugleich, der wir uns mit unserer liberal-undogmatischen Tradition besonders verantwortlich fühlen.

Holger Detjen
St. Remberti Gemeinde Bremen